Lana del Rey setzt weiter auf Entschleunigung

Georg Pop Art 150
Georg Steiner

Es war ein langer Weg vom YouTube-Phänomen zum anerkannten Popstar. Lana del Rey veröffentlichte ihr Debüt bereits vor elf Jahren, damals noch unterer ihrem Geburtsnamen Lizzy Grant. Die Platte floppte, ein Neustart war angesagt. Der vollzog sich zunächst über die Videoplattform.

Angefixt vom California-Pop der 1960er Jahre entwickelte sich Lizzy zu Lana und kam groß raus. Doch der damalige Robbie-Williams-Produzent verpasste den Song-Perlen des 2. Debüts einen zu kommerziellen Sound und ruinierte den Charme der Originale, die Fans bereits von YouTube kannten.

Ein Plädoyer für starke Frauen

Die geborene New Yorkerin Lana del Rey begann ihren Sound zu verändern und erarbeitete sich Album für Album ihre Credibility zurück. Ihren musikalischen Höhepunkt erreichte sie 2019 mit „Norman Fucking Rockwell“. Jetzt, rund eineinhalb Jahre später, liegt bereits der Nachfolger in den Regalen. „Chemtrails Over The Country Club“ erweist den starken Frauen dieser Welt ihre Referenz. Dies erstaunt umso mehr, als dass die Sängerin in der Vergangenheit so ihre Probleme mit feministischen Kolleginnen hatte.

Diese halten schließlich wenig von der Rückwärtsgewandtheit von del Rey. Diese betont in Interviews gerne ihre Vorliebe für die Vergangenheit. Dies gilt nicht nur musikalisch, sondern auch gesellschaftlich. Sie fordert auch über weibliche Schwächen und toxische Beziehungen singen zu dürfen, ohne dafür kritisiert zu werden. Ihre optische Inszenierung als Pin-up Girl war in dieser Beziehung allerdings wenig hilfreich.

Nostalgie gepaart mit Zynismus

Doch der unvermeidliche Shitstorm ist vergessen, die neue Platte so erfolgreich wie je zuvor. „Chemtrails over the Country Club“ schreibt die musikalische Geschichte von Lana del Rey erfolgreich weiter. Wo andere Tempo machen, setzt sie auf Entschleunigung. Ihre Songs vermitteln reine Schönheit und die Hinwendung an ihre ganz persönlichen Sehnsuchtsorte. Ihr nostalgischer Vintage-Pop ist geprägt von einem verklärten Blick auf die Vergangenheit. Doch die Nostalgie paart sich nun erstmals auch mit purem Zynismus. Der amerikanische Traum hat tiefe Risse bekommen.

Ihr Sound wurde an einigen Stellen sanft adaptiert. Del Rey covert Joni Mitchells Song „For Free” und hat sich Nikki Lane, Zella Day und Weyes Blood als Gäste geholt. Country und Indie-Pop dominieren die elf Songs. Die schlichte, aber eindringliche Musik ist möglicherweise das Beste, was Fans in dieser ungewöhnlichen Zeit passieren konnte. Die Platte ist reduzierter, persönlicher und intimer als ihre Vorgänger und spiegelt damit die Gefühlswelt zahlreichen Menschen wider. Del Reys Vorliebe für Country und Folk soll demnächst auf einer eigenen Platte gewürdigt werden. Die Sängerin kündigte vor kurzem auf Twitter für den 4. Juli 2021 die Veröffentlichung eines neuen Albums mit dem Namen „Blue Banister“ an.

Georg Steiner für Kulturgericht