Nick Caves neues Album erscheint im Juni

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Georg Steiner

Die Arbeitswut des Australiers Nick Cave hat mittlerweile besorgniserregende Ausmaße erreicht. Sein letztes Studioalbum „Ghosteen“ datiert aus dem Oktober 2019. Danach sollte eigentlich eine ausgedehnte Welttournee folgen, doch die Pandemie macht dieser einen Strich durch die Rechnung. Als weltweit die Lockdowns zum ersten Mal stattfanden, gab Cave zu Protokoll, dass nun für ihn eine Zeit der Besinnung gekommen sei. Er habe zwar mit engsten Vertrauten über mögliche Ideen gesprochen, diese jedoch allesamt verworfen. Selten sollte er sich so geirrt haben.

Zunächst überraschte er mit einem neuen YouTube-Kanal namens Bad Seed TEEVEE. Dieser präsentierte nicht nur einen Querschnitt über die musikalische Geschichte des Australiers, sondern bot gleichzeitig seinen Fans die Möglichkeit Fan-Videos hochzuladen. Darüber hinaus lud Cave mehrfach zu Listening-Sessions klassischer Alben. Wenige Wochen später gab er die Ausstrahlung eines während des Lockdown produzierten Live-Konzert-Films bekannt. Die Ausstrahlung fand im Sommer 2020 per Live-Stream statt.

Vier Platten innerhalb von 16 Monaten

Das dazugehörige Album, das selten gespielte Songs in den Vordergrund rückte, kam im November 2020 auf den Markt. Nur wenige Woche später folgte bereits die nächste Platte. Dabei handelte es sich um eine Zusammenarbeit mit dem belgischen Komponisten Nicholas Lens. Die zweite Kollaboration L.I.T.A.N.I.E.S. nach der gemeinsamen Oper „Shell Shock“ überzeugte als Kammermusik-Album. Die zwölf Litaneien schrieb Cave, die Musik stammte von Lens. Eingesungen und eingespielt wurde das Werk von zahlreichen Sängern und Musikern.

Als wäre dies noch nicht genug, kündigte Nick Cave kurz vor Weihnachten in seinem Fan-Board „The Red Hand Files“ lakonisch an, dass es wieder an der Zeit wäre ins Studio zu gehen. Die rätselhafte Nachricht warf zunächst mehr Fragen als Antworten auf, doch wenige Wochen später, präsentierte Cave bereits das fertige Album. Dieses ist seit einigen Wochen bereits auf allen bekannten Streaming-Plattformen zu hören und wird am 18. Juni weltweit als CD und Schallplatte erscheinen.

Brutal, aber wunderschön

„Carnage“ ist brutal, aber wunderschön, antwortete der Australier zunächst auf eine Fan-Frage. Das trifft den Grundton der Platte ziemlich genau. Immerhin handelt es sich dabei nicht um die gewohnte Zusammenarbeit mit seiner Band „The Bad Seeds“, sondern Corona-bedingt um eine Kollaboration mit seinem wichtigsten musikalischen Mitstreiter Warren Ellis. Dieser führt die Band bereits vor Jahren auf eine neuen musikalischen Weg, der auch „Carnage“ noch seinen Niederschlag findet.

Doch im Gegensatz zur Trilogie aus „Push the Sky Away“, „Skeleton Tree“ und „Ghosteen“ beschreiten die beiden musikalischen Brüder im Geiste wieder neue Wege. Die Songs von „Carnage“ entstanden laut Angaben von Cave in nur zweieinhalb Tagen. Aufgenommen wurden sie in rund zwei Wochen unter der Mithilfe eines kleinen Orchesters und eines vierköpfigen Chors.

Die Platte befreit sich von Caves persönlicher Tragödie und zeigt erstmals seit langem einer wiedererstarkten Musiker. Musikalisch nimmt „Carnage“ Anleihen an die lyrische Wucht seines Frühwerks und verarbeitet die weltweiten Vorgänge der letzten 12 Monate. Dabei sind dem Australier einige seiner besten Songs gelungen. Gleichzeitig wagt er sich in neue Gefilde vor und legte mit „Hands of God“ und „White Elephant“ Nummern vor, die man so zuvor von ihm noch nie gehört hat. Damit nicht genug wartet bereits das nächste Projekt auf den umtriebigen Rockstar.

Der nächste Film ist im Anrollen

Getrieben von der unbändigen Lust endlich wieder live auftreten zu können, produziert er gerade ein weiteres Livekonzert unter der Anleitung des Regisseurs Andrew Dominik. Im Mittelpunkt sollen diesmal die Songs aus „Ghosteen“ und „Carnage“ stehen. Gut möglich, dass der Film das Licht der Welt in zeitlicher Nähe zur Veröffentlichung der neuen Platte erblicken wird. Selten hat ein Musiker die Zeit der Pandemie so intensiv für seine Arbeit genutzt, wie Nick Cave. Trotz des enormen Tempos ist es ihm neuerlich gelungen, sein hohes Qualitätslevel zu halten. „Carnage“ macht da keine Ausnahme.

Georg Steiner für Kulturgericht