Nachgefragt bei Barbara Mayer: „Junge Stimmen brauchen Raum“
Literatur lebt von Begegnung, Austausch und unterschiedlichen Perspektiven. Barbara Mayer leitet das Literaturhaus Mattersburg und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie Literatur vermittelt und einem möglichst breiten Publikum zugänglich gemacht werden kann. Dabei versteht sie das Literaturhaus nicht nur als Veranstaltungsort, sondern als offenen Raum für Dialog, Mehrsprachigkeit und kulturelle Teilhabe.
Im Kulturgericht-„Nachgefragt“ spricht sie über Veränderungen im Literaturbetrieb, die wachsende literarische Szene im Burgenland, die Chancen eines mehrsprachigen Grenzraums – und darüber, warum unabhängige kulturelle Nischen und Freiräume für junge Stimmen wichtig sind.

Du leitest das Literaturhaus Mattersburg seit vielen Jahren. Was hat sich in dieser Zeit im Literaturbetrieb und beim Publikum am stärksten verändert?
Versteht man unter dem Literaturbetrieb das Zusammenspiel von Autor:innen, Verlagen, Buchhandel, Kritik, Veranstaltungshäusern, Auszeichnungen und selbstverständlich den Leser:innen, so sind die Veränderungen in diesem Gefüge in den letzten Jahren wirklich groß. Die Wege, wie Literatur entsteht, vermittelt, entdeckt und rezipiert wird, sind vielfältiger geworden. Digitale Formate und soziale Medien spielen auch in der Vermittlung eine immer größere Rolle. Für ein Literaturhaus ist nach wie vor die direkte Begegnung zwischen Autor:innen und Publikum eine der wichtigsten Aufgaben. Spannend und oft voller Überraschungen.
Besonders erfreulich ist für mich die Entwicklung der literarischen Szene hier im Burgenland. In den letzten Jahren sind Autorinnen und Autoren aus der Region zunehmend zu wichtigen Stimmen in der deutschsprachigen Literatur geworden. Sie veröffentlichen bei renommierten Verlagen, erhalten Stipendien, nehmen an Wettbewerben teil und werden mit überregionalen Preisen ausgezeichnet. Vielleicht hat das Literaturhaus einen kleinen Beitrag dazu geleistet, einerseits als Plattform und Serviceangebot, zugleich auch als der Ort, an dem Schreibende ihre ersten Schritte Richtung Öffentlichkeit gemacht haben.
Das Literaturhaus ist nicht nur Veranstaltungsort, sondern auch ein Ort der Begegnung und Literaturvermittlung. Wie gelingt es heute, auch Menschen für Literatur zu begeistern, die nicht selbstverständlich zu einer Lesung gehen?
Im Literaturhaus Mattersburg ist der direkte Kontakt mit dem Publikum ein zentraler Aspekt. Über die Auseinandersetzung mit Literatur lassen sich Denk- und Diskussionsräume schaffen und gestalten, in denen Beteiligung möglich ist und unterschiedliche Perspektiven Platz finden. Begegnung und Dialog erachten wir als eine wesentliche Aufgabe zeitgemäßer Kulturarbeit.
Der Standort Mattersburg ist für diese Form der Vermittlung ein guter Ausgangspunkt. Das kulturelle Angebot in der Region ist überschaubar, jedoch gibt es großes Interesse an kulturellen Impulsen abseits ausgetretener Pfade. Wir treffen hier auf Offenheit, Neugier und die Bereitschaft zur diskursiven, lebendigen und manchmal auch kontroversiellen Beschäftigung mit Literatur.
Zugleich sind wir ein Verein, der aus öffentlichen Mitteln gefördert wird. Damit ist ein klarer Auftrag verbunden: Die Veranstaltungen des Hauses sind kostenlos zugänglich, über freie Spenden freuen wir uns. Kulturelle Teilhabe darf aber keine Frage der finanziellen Möglichkeiten sein. Sie sollte offen für alle sein, unabhängig von sozialer Herkunft, Bildungserfahrung, der Sprachkompetenz oder anderer sogenannter Hürden.
Dementsprechend gestaltet sich auch das Angebot des Hauses. Es ist ein Mix aus unterschiedlichsten Formaten, die für alle Altersgruppen auch unkomplizierte Zugänge zu Literatur und einem Literaturhaus ermöglichen. Neben klassischen Lesungen und Autor:innengesprächen gibt es Leserunden (Deutsch und Englisch), Schreibgruppen, Filmabende, Dialogveranstaltungen an Schulen, literarische Spaziergänge, Literaturfahrten, Vorlesestunden (immer wieder auch mehrsprachig), einen Bücherklub für Kinder, interkulturelle Erzählcafes und eine öffentliche Bibliothek im Foyer des Kulturzentrums.
Das Burgenland ist klein, mehrsprachig und von unterschiedlichen kulturellen Einflüssen geprägt. Ist das für die Literatur und eure Arbeit eher eine Herausforderung oder eine besondere Chance?
Ich sehe diese Besonderheiten eindeutig als Chance, auch wenn ich manches hier im Burgenland wirklich eng und klein gedacht empfinde.
Mehrsprachigkeit, kulturelle Vielfalt und die spezielle Situation als Grenzraum sind seit seiner Gründung wichtige Schwerpunkte der Arbeit in diesem Haus. Hinzu kommt die Freude an Geschichten und dem poetischen Spiel mit der Sprache.
In unserem literarischen Angebot sind wir sehr daran interessiert, neben der heimischen Literatur, auch die Literatur unserer unmittelbaren Nachbarländer in mehrsprachigen Veranstaltungen und literarischen Exkursionen erfahrbar zu machen.
Wir greifen regionale Themen und Fragestellungen auf, machen Provinzialität in all ihren Facetten zum Thema und es ist uns wichtig, die spezifischen historischen Gegebenheiten und Erfahrungen unserer Umgebung immer wieder in einen internationalen Kontext zu setzen. Daraus entsteht ein Dialog zwischen der Welt vor der eigenen Haustüre und den Geschichten und Texten aus vielen anderen Teilen der Welt – das kann Literatur.
Was wünschst du dir für die Zukunft von Literatur, Kunst und Kultur im Burgenland – und wo siehst du derzeit den größten Handlungsbedarf?
Abgesehen von verlässlichen und transparenten Förderstrukturen für die Produktion und Vermittlung von Literatur wünsche ich vor allem den jungen literarischen Stimmen und künstlerischen Positionen hier im Burgenland sehr viel Raum. Ich mag es sehr, wenn mir junge Menschen mit ihren Texten und ihrer Kunst einen anderen Blick auf „meine“ Welt ermöglichen.
Bezüglich der Veränderungen im Kunst- und Kulturbereich sind es vor allem die kulturpolitischen Strategien und Strukturen, die mich interessieren. Sie sagen sehr viel über ein gesellschaftliches Gefüge aus und legen offen, was man einander zutraut.
Im Burgenland erleben wir in den letzten Jahren eine Bündelung und Zentralisierung der kulturellen Angebote. Ich schätze es sehr, dass auch im Kulturbereich Strukturen und Rahmenbedingungen professioneller geworden sind. Interessant fände ich es allerdings, wenn diese Veränderungen von offener und öffentlicher Reflexion begleitet würden. Skeptisch war ich schon immer dann, wenn Politik, Kultur und Tourismus eng zusammenrücken. Ich denke, es greift zu kurz und beschneidet, wenn Kunst und Kultur vor allem dazu verwendet werden, Standorte zu vermarkten oder ein geschmeidiges Image zusammenzubasteln.
Ein wenig habe ich das Gefühl, dass die unabhängigen Nischen und Biotope, in denen sich Kunst ausprobieren und entwickeln kann, kleiner geworden sind. Manchmal wäre das Experiment vermutlich spannender als das vorzeigbare bzw. verwertbare Ergebnis. Mich berühren Literatur und Kunst vor allem dann, wenn sie mir Fragen stellen, auf die ich keine unmittelbaren Antworten habe und wenn sie mir Gedankenräume eröffnen, zu denen ich selbst noch keinen Zugang gefunden habe.
Kulturgericht bedankt sich bei Barbara Mayer für das Gespräch.