Nachgefragt bei Willy Puchner: „Die Welt hört nicht auf, mich zu überraschen“
Fotograf, Zeichner, Autor und Reisender: Willy Puchner hat über Jahrzehnte die Welt erkundet und seine Beobachtungen in Bildern und Texten festgehalten. Heute findet er vieles von dem, was ihn inspiriert, ganz in seiner Nähe – in seinem Bauernhaus im Burgenland, in der Landschaft, in Tieren und scheinbar unscheinbaren Augenblicken. Für die neue Kulturgericht-Reihe „Nachgefragt“ haben wir Willy Puchner vier Fragen über prägende Begegnungen, Inspiration und die Freiheit der Kunst gestellt.

Vier Fragen an Willy Puchner
Du hast die Welt bereist und unzählige Geschichten mit deinen Bildern erzählt. Welche Begegnung hat dich bis heute am meisten geprägt?
Es fällt mir schwer, eine einzige Begegnung herauszugreifen. Vielleicht waren es gerade die vielen kleinen Begegnungen unterwegs, die mich geprägt haben – mit Menschen, Tieren, Landschaften, manchmal auch nur mit einem Blick oder einer Situation, die etwas in mir ausgelöst hat. Auf Reisen habe ich gelernt, dass man die Welt nicht nur sehen, sondern sich von ihr berühren lassen muss. Vieles davon ist geblieben und taucht Jahre später wieder in einem Bild, einer Zeichnung oder einem Text auf.
Vielleicht war meine wichtigste Begegnung deshalb die mit der Fremde selbst. Sie hat mich neugierig gemacht – und mir gleichzeitig gezeigt, wie kostbar das Vertraute und das Zuhause sind.
Was inspiriert dich heute noch – gibt es Momente oder Orte, die dich immer wieder zum Fotografieren und Schreiben bringen?
Heute brauche ich nicht mehr die große Reise. Mich interessieren immer mehr die Dinge, die ganz nahe sind: ein Vogel vor dem Fenster, Nebel über einer Wiese, Katzen vor der Tür, ein alter Baum, ein Gegenstand, den jemand zurückgelassen hat. Ich glaube, mit den Jahren ist mein Blick langsamer geworden.
Mein Bauernhaus im Burgenland und die Landschaft rundherum sind für mich inzwischen ein großer Ort der Inspiration. Ich gehe hinaus und weiß meistens noch nicht, was ich suche. Das gefällt mir. Oft findet mich dann etwas.
Und wahrscheinlich ist genau das der Grund, warum ich noch immer fotografiere, zeichne und schreibe: weil die Welt nicht aufhört, mich zu überraschen.
Was möchtest du den Menschen mit deiner Kunst mit auf den Weg geben?
Vielleicht vor allem eines: genauer hinzusehen. Wir gehen an so vielem vorbei, weil wir glauben, es sei selbstverständlich. Ein Blatt, ein Tier, ein Gesicht, eine Landschaft, ein kleiner Augenblick. Für mich beginnt Kunst dort, wo man etwas Gewöhnliches wieder als etwas Besonderes wahrnimmt.
Ich möchte keine Botschaften verkünden. Lieber möchte ich eine kleine Tür öffnen – zur Phantasie, zur Neugier, vielleicht auch zur Zärtlichkeit gegenüber der Welt.
Und wenn jemand nach einem Bild oder einem Text von mir für einen Moment anders auf etwas schaut als vorher, dann ist schon sehr viel geschehen.
Und das letzte Wort: Was braucht Kunst und Kultur heute am dringendsten?
Zeit. Freiheit. Neugier.
Und Menschen, die bereit sind, sich auf etwas einzulassen, ohne vorher zu fragen, wozu es nützlich ist.
Kunst muss nicht immer erklären, lösen oder funktionieren. Sie darf zwecklos sein, eigensinnig, verspielt und manchmal auch unbequem. Gerade in einer Zeit, in der alles immer schneller und verwertbarer werden soll, brauchen wir Räume, in denen etwas entstehen darf, dessen Wert sich nicht sofort messen lässt.
Vielleicht braucht Kunst heute vor allem eines: die Freiheit, Kunst sein zu dürfen.
Kulturgericht bedankt sich bei Willy Puchner für das Gespräch.
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