Aus Liebe zur Schallplatte
Das Stadttheater Wiener Neustadt lud letzten Freitag zu einem ungewöhnlichen Bühnenabend. Vordergründig war der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann zu Gast, um über seine Liebe zum Plattenspieler und zu Schallplatten zu sprechen.
Tatsächlich schwelgten sowohl das Podium als auch das Publikum selig in Erinnerungen an eine Zeit, als Musik noch als Kulturgut und nicht als Produkt galt. Zu diesem Zweck moderierte die Geschäftsführerin des Stadttheaters, Maria Großbauer höchstpersönlich eine fachkundige Runde.
Gemeinsames Hören und Philosophieren
Konrad Paul Liessmann unterfütterte die Faszination, die der Plattenspieler auf seine Bewunderer ausübt, mit klugen Gedanken, Katharina Schick von den Schick-Sisters brachte die Perspektive der Musikerin ein und Pro-Ject-Gründer Heinz Lichtenegger ließ das Publikum hinter die Kulissen der Plattenindustrie blicken.
Doch es sollte nicht nur beim Gespräch und beim Philosophieren über den außergewöhnlichen Klang bleiben. Die Gäste des Abends hatten zahlreiche Lieblingsplatten mitgebracht, die als anschauliches Beispiel für die verbindende Leidenschaft an diesem Abend dienten. Und so lauschten Gastgeber und Gäste gleichermaßen den Möglichkeiten, die der Plattenspieler bis heute seinen audiophilen Liebhabern bietet.
Die Vergangenheit erobert die Zukunft
Das ist erstaunlich, schließlich erreicht die Schallplatte nicht jene technische Perfektion, die eine digitale Produktion, beispielsweise auf CD, bietet. Doch gerade die „Fehler“ des analogen Mediums sorgen beim Hörer für Wohlbefinden. Was auf den ersten Blick unlogisch klingt, ist jedoch das Erfolgsgeheimnis, das das menschliche Gehör als Wohlklang empfindet. Die technische Perfektion führt hingegen beim Hörer bereits nach kurzer Zeit zu Unbehagen.
Kein Wunder also, dass der Plattenspieler und Schallplatten seit Jahren wieder eine Renaissance erleben und immer mehr junge Hörer verstärkt zum Vinyl greifen. Konrad Paul Liessmann führt dies auch auf die Faszination von Coverkunst und Haptik, das Ritual des Plattenauflegens und den zunehmenden Wunsch nach dem Besitz von Musik zurück.
Stabilität in einer digitalen Welt
In unsicheren Zeiten bietet die Schallplatte schließlich dem Hörer die Möglichkeit, die Zukunft zu „kontrollieren“. Wer eine Platte auflegt, weiß, was ihn in den nächsten rund 20 Minuten erwartet. So wird der analoge Klang zum Anker in einer Gegenwart, in der nichts mehr sicher scheint.
Der seit Jahren anhaltende Boom der Schallplatte und des Plattenspielers zeigt sich nicht nur im geschäftlichen Erfolg des österreichischen Weltmarktführers Pro-Ject, sondern auch in den Verkaufszahlen von Schallplatten. Diese hat, gemessen an den Umsätzen, ihren ursprünglichen „Bezwinger“, die CD, längst wieder überholt und hinter sich gelassen.
Georg Steiner für Kulturgericht.at