Reduziert auf das Maximum: Train on the Island von Aldous Harding
Es gibt Künstlerinnen, die ihre Hörer an die Hand nehmen und behutsam durch ihr Werk führen. Aldous Harding gehört nicht dazu. Seit Jahren erschafft die Neuseeländerin mit Wohnsitz in Wales musikalische Räume, die ebenso rätselhaft wie faszinierend sind. Mit ihrem fünften Album Train on the Island bleibt sie diesem Ansatz treu. Dabei wirkt sie jedoch zugänglicher als zuletzt. Die Songs strahlen Wärme aus, ohne ihre Geheimnisse preiszugeben.
Begründerin des Folk Noir
Gemeinsam mit PJ-Harvey-Produzent John Parish entwickelt Harding erneut einen Klang, der sich zwischen Folk, Art-Pop und dezent psychedelischen Farben bewegt. „Folk Noir“ nannte Harding ihren Stil selbst – zu einer Zeit, in der sie noch Interviews gab.
Akustische Gitarren, sparsame Klavierfiguren und fein gesetzte elektronische Akzente schaffen eine Atmosphäre, die zugleich intim und entrückt erscheint. Nichts drängt sich hier in den Vordergrund; stattdessen entfalten die Arrangements ihre Wirkung langsam, beinahe hypnotisch. Das zeigt sich auch in ihren Live-Konzerten, bei denen ihre Band mit schier atemberaubendem Klang überzeugt.
Verspielt, theatralisch und exzentrisch
In der radikalen Reduktion liegt auch die Stärke des neuen Albums. Harding verzichtet auf offensichtliche Höhepunkte oder große Gesten. Stattdessen verändert sie Melodien und Rhythmen oft unmerklich, lässt Harmonien Haken schlagen und nutzt ihre Stimme wie ein weiteres Instrument. Dabei klingt sie zerbrechlich, verspielt und theatralisch. Ihr Spiel mit Figuren und unterschiedlichen Singstimmen prägt ihr Werk schließlich seit Langem.
Auch textlich bleibt Harding ihrer Vorliebe für Andeutungen treu. Ihre Bilder bewegen sich zwischen Alltag, Traum und surrealem Humor. Wer nach eindeutigen Botschaften sucht, ist hier fehl am Platz. Vielmehr lädt Train on the Island den Zuhörer dazu ein, die Songtexte zu interpretieren und sich auf Assoziationen einzulassen. Gerade dieses Spiel mit Mehrdeutigkeiten macht den Reiz der Platte aus.
Skurrile Texte mit überraschenden Wendungen
Musikalisch gelingt Harding dabei ein bemerkenswerter Balanceakt. Stücke wie „One Stop“ oder der Titeltrack besitzen eingängige Melodien, verweigern sich aber gleichzeitig den üblichen Songstrukturen. Andere Titel entwickeln aus wenigen Motiven eine beinahe meditative Sogwirkung. Das Album wirkt dadurch geschlossen, ohne jemals vorhersehbar zu werden.
Die Exzentrik von Aldous Harding ist weiterhin präsent, wirkt jedoch weniger demonstrativ als auf ihrem letzten Album Warm Chris. Gerade dadurch entfalten die Songs eine größere emotionale Tiefe. Hinter den skurrilen Bildern und den überraschenden Wendungen schimmern Melancholie, Verletzlichkeit und eine leise Nachdenklichkeit hervor.
Hier gibt es viele Details zu entdecken
Train on the Island ist kein Album für den schnellen Konsum. Es verlangt von seinen Hörern Aufmerksamkeit und belohnt wiederholtes Hören mit immer neuen Details. Wer sich auf Hardings eigensinnige Klangwelt einlässt, entdeckt eine der originellsten Songwriterinnen der Gegenwart.Aldous Harding ist eine Musikerin, die sich konsequent jeder Schublade entzieht und gerade darin ihre größte Stärke findet. Das zeigte sich auch bei ihrem jüngsten Österreich-Auftritt in der Arena Wien. Dort sorgte die Neuseeländerin mit minimalem Aufwand, aber maximalem Können für kollektive Gänsehaut und großen Jubel.
Urteil des Klanggerichts: Train on the Island von Aldous Harding etabliert die Neuseeländerin endgültig als Indie-Größe. 5/5 Punkten machen das Album zum Anwärter auf den Titel: „Album des Jahres“.
Georg Steiner für Kulturgericht.at
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