Musikarchiv: U2 und „October“ – ein Album zwischen Glauben und Zweifel

+1

Am 12. Oktober 1981 veröffentlichten U2 ihr zweites Studioalbum „October“. Nach dem erfolgreichen Debüt „Boy“ stand die junge irische Band vor einer schwierigen Phase. Persönliche Glaubensfragen, Unsicherheit und Probleme bei den Aufnahmen prägten eine Platte, die lange im Schatten ihrer späteren Erfolge stand. 45 Jahre danach lohnt sich ein neuer Blick auf dieses ungewöhnliche Kapitel der Bandgeschichte.

Als U2 im Herbst 1981 ihr zweites Album veröffentlichten, waren Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen Jr. noch weit von jenem weltweiten Erfolg entfernt, den sie wenige Jahre später erreichen sollten.

Mit „Boy“ hatten sie 1980 international auf sich aufmerksam gemacht. Songs wie „I Will Follow“ zeigten eine Band, die den energiegeladenen Post-Punk ihrer Zeit mit einem eigenen, emotionalen Klang verband.

Für den Nachfolger wollte das Quartett musikalisch und inhaltlich neue Wege gehen. Doch die Entstehung von „October“ verlief alles andere als reibungslos.

Ein Album unter schwierigen Bedingungen

Während der Arbeiten am Album wurde Bono eine Tasche mit Textentwürfen und persönlichen Notizen gestohlen. Ein großer Teil des vorgesehenen Materials war damit verloren.

Unter Zeitdruck musste der Sänger zahlreiche Texte neu entwickeln oder im Studio improvisieren. Das Ergebnis war eine Platte, deren Worte stellenweise fragmentarisch und unmittelbar wirken.

Produziert wurde „October“ erneut von Steve Lillywhite, der bereits am Debütalbum beteiligt gewesen war. Die Aufnahmen entstanden überwiegend in den Windmill Lane Studios in Dublin.

Musikalisch blieb die Band ihrem charakteristischen Gitarrensound treu, experimentierte aber stärker mit Atmosphäre, Klavierklängen und ruhigeren Passagen.

Zwischen Rockmusik und Spiritualität

Eine besondere Rolle spielten damals religiöse Fragen. Bono, The Edge und Larry Mullen Jr. beschäftigten sich intensiv mit ihrem christlichen Glauben. Gleichzeitig standen sie vor der Frage, wie sich diese Überzeugungen mit dem Leben in einer aufstrebenden Rockband vereinbaren ließen.

Diese Auseinandersetzung ist auf „October“ deutlich zu hören.

Der Song „Gloria“ verbindet einen drängenden Rockrhythmus mit religiösen Motiven und lateinischen Textpassagen. In „Tomorrow“ treffen persönliche Trauer, Unsicherheit und spirituelle Sehnsucht aufeinander.

Mit „Rejoice“, „With a Shout (Jerusalem)“ und dem ruhigen Titelsong setzt sich diese Stimmung fort. Die Musik wirkt häufig suchend und verletzlich, manchmal beinahe wie ein musikalisches Gebet.

Dabei war „October“ kein religiöses Konzeptalbum im klassischen Sinn. Vielmehr dokumentierte es eine Band, die versuchte, persönliche Überzeugungen und künstlerische Ambitionen miteinander zu verbinden.

Kein großer Durchbruch – aber ein wichtiger Schritt

Bei seiner Veröffentlichung erhielt „October“ gemischte Kritiken. Das Album erreichte Platz elf der britischen Charts, konnte aber nicht an die spätere kommerzielle Bedeutung der Band heranreichen.

Auch musikalisch wirkte die Platte weniger geschlossen als „Boy“. Manche Stücke blieben skizzenhaft, andere deuteten bereits jene hymnische Klangsprache an, die U2 später zu einem Markenzeichen machen sollten.

Mit „War“ gelang der Band 1983 schließlich der entscheidende Durchbruch. Songs wie „Sunday Bloody Sunday“ und „New Year’s Day“ machten U2 international bekannt und rückten politische sowie gesellschaftliche Themen stärker in den Mittelpunkt.

Rückblickend bildet „October“ die Brücke zwischen dem jugendlichen Aufbruch von „Boy“ und dem selbstbewussteren Sound von „War“.

Warum „October“ heute noch interessant ist

In der Diskografie von U2 gehört „October“ nicht zu den meistgenannten Alben. Es enthält keinen Welthit wie „With or Without You“ oder „One“ und besitzt nicht die geschlossene Wirkung späterer Werke.

Gerade das macht die Platte interessant.

Hier ist eine Band zu hören, die ihren Platz noch sucht, deren musikalische Identität sich erst entwickelt und die persönliche Zweifel nicht hinter großen Gesten versteckt.

Viele Elemente, die U2 später prägen sollten, sind bereits vorhanden: The Edges atmosphärisches Gitarrenspiel, Bonos ausdrucksstarke Stimme und die Verbindung von Rockmusik mit existenziellen Fragen.

45 Jahre nach seiner Veröffentlichung bleibt „October“ ein Dokument des Übergangs – und eine Erinnerung daran, dass auch die größten Rockbands ihre musikalische Identität nicht von Anfang an fertig entwickelt hatten.