50 Jahre Kulturzentren Burgenland: Als die Kultur aufs Land kam
Was heute selbstverständlich erscheint, war Mitte der 1970er-Jahre eine durchaus gewagte Idee: Theater, Konzerte, Literatur und bildende Kunst sollten im Burgenland nicht nur einem städtischen Publikum vorbehalten sein. Kultur sollte dorthin kommen, wo die Menschen lebten – in die Regionen.
Unter dem Leitgedanken „Kultur für alle“ entstand Anfang der 1970er-Jahre das Konzept der burgenländischen Kulturzentren. Eine wichtige Rolle spielten dabei der damalige Kulturlandesrat Gerald Mader und der spätere Bundeskanzler und damalige Unterrichtsminister Fred Sinowatz. Ziel war eine dezentrale Kulturpolitik, die Kunst, Bildung und gesellschaftliche Begegnung miteinander verband.
Mattersburg machte 1976 den Anfang
Am 22. Mai 1976 wurde das Kulturzentrum Mattersburg eröffnet – das erste Kulturzentrum des Burgenlandes. Entworfen hatte das Gebäude der Architekt Herwig Udo Graf. Errichtet wurde es zwischen 1973 und 1976.
Das Konzept ging weit über einen klassischen Veranstaltungssaal hinaus. Die Kulturzentren sollten Orte für Theater, Konzerte und Ausstellungen sein, zugleich aber auch Raum für Bildung und Begegnung bieten.
Dass diese Idee keineswegs von allen begeistert aufgenommen wurde, gehört ebenfalls zur Geschichte. Die Frage „Brauch ma des?“ wurde zum Sinnbild für die Skepsis, mit der das kulturpolitische Experiment zunächst betrachtet wurde.
Doch das Publikum kam.
In Mattersburg fanden Konzerte und Ausstellungen statt, dazu Formate wie „Literatur am Kamin“. Auch für Schulen wurden die neuen Kulturangebote zunehmend interessant. Das Kulturzentrum entwickelte sich zu einem Treffpunkt, der nicht nur das kulturelle Angebot, sondern auch die Wahrnehmung der Stadt veränderte.
Ein Netzwerk entsteht
Mattersburg blieb nicht allein. Bereits am 14. Mai 1977 folgte das Kulturzentrum Jennersdorf, am 27. August 1977 Güssing. 1982 wurden schließlich die Kulturzentren in Eisenstadt und Oberschützen eröffnet.
Innerhalb weniger Jahre war damit ein kulturelles Netzwerk entstanden, das sich von Nord bis Süd durch das Burgenland zog.
Theater, Kabarett, Konzerte, Ausstellungen und Kinderprogramme waren plötzlich nicht mehr zwangsläufig mit einer Fahrt nach Wien oder Graz verbunden. Kultur bekam im Burgenland eigene Häuser.
Mehr als Veranstaltungsräume
Gerade darin lag die Besonderheit des damaligen Modells. Die Kulturzentren verstanden sich nicht ausschließlich als Bühnen. Sie sollten Kultur und Bildung zusammenführen und Menschen die Möglichkeit geben, selbst am kulturellen Leben teilzunehmen.
Auch Schulen nutzten die Häuser früh. Theater, Musik und Workshops wurden Teil der Kulturvermittlung und ergänzten den Unterricht.
Was Anfang der 1970er-Jahre noch ein Experiment ohne klares Vorbild gewesen war, entwickelte sich damit zu einem festen Bestandteil des burgenländischen Kulturlebens.
Das erste Kulturzentrum verändert sich
Auch die Gebäude selbst erzählen inzwischen Kulturgeschichte.
Das Kulturzentrum Mattersburg wurde 2014 geschlossen und anschließend umfassend erneuert. 2022 öffnete es wieder. Teile der ursprünglichen, vom Brutalismus geprägten Architektur wurden dabei mit einer neuen Gestaltung verbunden. Heute befinden sich dort neben den Veranstaltungsbereichen unter anderem auch das Literaturhaus Mattersburg, das Burgenländische Landesarchiv und die Landesbibliothek.
Damit ist ausgerechnet jenes Haus, mit dem 1976 alles begann, heute erneut ein Ort geworden, an dem unterschiedliche Bereiche von Kultur und Wissen zusammentreffen.
Eine Idee, die geblieben ist
2026 feiern die Kulturzentren Burgenland ihr 50-jähriges Bestehen. Das Jubiläum erinnert dabei nicht nur an die Eröffnung eines Gebäudes.
Es erinnert an eine kulturpolitische Vorstellung, die für ihre Zeit bemerkenswert war: Der Zugang zu Kunst und Kultur sollte nicht davon abhängen, ob jemand in einer Großstadt lebt.
Aus einer Idee, bei der sich manche zunächst fragten „Brauch ma des?“, entstand eine Infrastruktur, die das kulturelle Leben des Burgenlandes über Jahrzehnte mitgeprägt hat.
Und vielleicht liegt genau darin die schönste Antwort auf die damalige Frage:
Offenbar hat man es gebraucht.