„Dopamine Chamber“ von Fontaines D.C.: Eskapismus in finsteren Zeiten
Die Konstante im musikalischen Werk von Fontaines D.C. heißt weiterhin Veränderung. Gemäß dem Motto „Stillstand ist der Tod“ verändern die Iren ihren Sound auch auf ihrem mittlerweile fünften Album „Dopamine Chamber“ deutlich.
Dieser Richtungswechsel fällt diesmal noch dramatischer aus als beim höchst erfolgreichen Vorgänger „Romance“ aus dem Jahr 2024, der die Band endgültig in die oberste Liga der Indie-Rock-Bands katapultierte.
Angesichts politischer Umbrüche und Kriege begeben sich Sänger Grian Chatten und seine Mitstreiter in die innere Emigration und unterlegen ihre elf neuen Songs zumeist mit finsteren Synthesizer-Flächen, die den gewohnten Post-Punk-Gitarrensound ablösen.
Sänger Grian Chatten dominiert stärker denn je
Die großartige erste Single aus dem Album, „Marianne“, wies den Weg, dem die insgesamt elf Songs konsequent folgen. Das führt zu neuen musikalischen Ufern, die auch Fans von Depeche Mode begeistern dürften. Songs wie der Eröffnungstrack „Six Shot Morning“ oder das umwerfende „Japan“ entwickeln einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann.
Der musikalische Richtungswechsel lässt eine dichte Düsternis entstehen, die eine Weiterentwicklung des Post-Punk darstellt, dem Fontaines D.C. einst entsprungen sind. Mit fünf Alben in nur sieben Jahren zeigt die Band, dass sie gewillt ist, sich konsequent weiterzuentwickeln.
Der Fixstern, um den sie dabei weiterhin kreist, ist Sänger Grian Chatten. Dessen unverwechselbare Stimme trägt und treibt die Songs voran, selbst wenn die Gitarren diesmal deutlich in den Hintergrund treten. Das zeigt sich auch und ganz besonders bei einer weiteren Premiere auf „Dopamine Chamber“.
Rosalía und Streicher erzeugen starke Bond-Vibes
Mag Gastsängerin Rosalía im Song „Where Is Gone?“ auf den ersten Blick wie eine Anbiederung an den Mainstream wirken, so entpuppt sich der Song als großartige Ballade im Stil von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood. Im Duett mit Grian Chatten entstand so ein Song, der sich aufgrund seiner musikalischen Umsetzung jederzeit als Titelsong für einen James-Bond-Film bewerben könnte.
Die Einladung an den spanischen Pop-Superstar erweist sich auf den zweiten Blick als nachvollziehbar. Schließlich gilt auch Rosalía als Meisterin der musikalischen Verwandlung und radikaler Kurswechsel.
Urteil des Kulturgerichts
Diesen Kurswechsel treiben Fontaines D.C. neuerlich massiv voran und bleiben damit spannend und relevant. In gesellschaftlich wie persönlich schwierigen Zeiten entflieht die Band den Erwartungen und sucht neue Herausforderungen. Damit unterstreicht sie einmal mehr ihren Anspruch, die Speerspitze der irischen Revolution in der Indie-Szene zu bilden.
Georg Steiner für Kulturgericht.at