Nick Cave live in München: Eine berauschende Tour de Force durch vergangene Jahrzehnte

+1

Nähe statt Distanz, Freude statt Düsternis. Der australische Ausnahmesänger Nick Cave versetzte die 13.500 Fans am Münchner Königsplatz in kollektive Euphorie.

Die Wut und Düsternis vergangener Tage sind bei Nick Cave längst nicht verschwunden. Doch sie haben Gesellschaft bekommen: von Nähe, Humor und Lebensfreude. Das stellte der mittlerweile 68-jährige Australier bei seinem Münchner Konzert am vergangenen Sonntag eindrucksvoll unter Beweis. Der vom Schicksal schwer getroffene Sänger hat seine Trauer nicht verdrängt. Aber sie bestimmt längst nicht mehr jeden Moment seines Schaffens.

Eine musikalische Parallelwelt

Cave trägt seine Wunden offen mit sich herum und scheut sich nicht, seine persönlichsten Momente mit seinem Publikum zu teilen. Das wurde spätestens beim furiosen, mehr als 14-minütigen „Hollywood“ vom von Trauer geprägten Album „Ghosteen“ offensichtlich.

Doch bevor der offizielle Teil des Abends mit „Hollywood“ seinen Abschluss fand, stürmte die Band durch die vergangenen Jahrzehnte ihres Schaffens und lieferte damit vielen Fans gleichzeitig einen Soundtrack ihres Lebens.

Emotional, spontan und unvollkommen

Pünktlich um 20 Uhr betrat Cave noch bei Tageslicht die Bühne und peitschte seine Mitstreiter mit „Get Ready For Love“ und „From Her to Eternity“ in einen unvergesslichen Abend. Schon beim zweiten Song kletterte ein Besucher auf die Schultern des Publikums in den ersten Reihen, die ihn förmlich durch den Klassiker trugen.

Cave selbst war mit seiner eigenen Leistung zunächst wenig zufrieden und entschuldigte sich bei Band und Publikum dafür, den Song ruiniert zu haben. „Im Kampf gegen die Bad Seeds kannst du nicht gewinnen“, stellte er trocken fest. Es sollte nicht seine letzte Niederlage an diesem Abend bleiben. Auch „Papa Won’t Leave You, Henry“ hielt eine Stunde später nicht dem strengen Urteil des Meisters stand. Möglicherweise war der Sprung ins Publikum doch zu viel für ihn geworden.

Wie schon seit Jahren befand sich auch diesmal direkt vor der Bühne ein langer Laufsteg, den Cave die meiste Zeit für den direkten Kontakt mit dem Publikum nutzte. Die eigentliche Bühne blieb seiner Band vorbehalten. Beim vierten Song, dem aus einem Harry-Potter-Film bekannten „O Children“, holte Cave einen jungen Buben aus den ersten Reihen auf die Bühne und bescherte ihm damit einen ebenso unvergesslichen Moment wie rund eine Stunde später einer jungen Frau aus dem Publikum.

Erstes und letztes Mal

Nach einem wahren Feuerwerk aus zahlreichen Cave-Klassikern wollte Cave gerade zum „The Weeping Song“ ansetzen, als ihn ein junger weiblicher Fan mit einem handgemalten Plakat dazu aufforderte, mitsingen zu dürfen. Cave erkannte das Problem sofort und bezeichnete diesen Wunsch als „möglicherweise großen Fehler“. Doch er nimmt das Risiko an und schafft so den emotionalen Höhepunkt des Abends.

Er zog die junge Frau auf den Laufsteg und gestaltete den Song als mehr oder weniger gelungenes Duett zwischen den beiden. Die Fehler und Missverständnisse der Duettpartner machten die Aktion noch sympathischer, wenngleich die Botschaft am Ende klar war.

„Um eines klarzustellen: Das war das erste und letzte Mal, dass wir so etwas gemacht haben. Geht also nicht nach Hause und übt den ‚Weeping Song‘, denn das wäre sinnlos“, grinste Cave.

„Jubilee Street“ treibt den Abend noch einmal auf einen Höhepunkt, bevor „Hollywood“ mit seinen mehr als 14 Minuten den regulären Teil des Konzerts beendet. Danach kehren die Musiker für fünf Zugaben zurück.

Reduziert bis auf das musikalische Skelett

Dort passiert das nächste Hoppala. Als die Bad Seeds sich bereits aufmachen, die Bühne zu verlassen, stoppt Cave sie für „Skeleton Tree“. Erst danach sind Warren Ellis und Co. endgültig entlassen.

Der letzte Teil des Abends gehört Nick Cave vollkommen allein. Er intoniert solo am Klavier „Into My Arms“ und überlässt die letzten Minuten dem Gesang der Menge.

In einem der schönsten Momente des Abends verschwinden der donnernde Sound und die großen Gesten. Cave reduziert sich selbst auf einen einsamen Sänger, der keinen Schutz mehr durch die Band genießt. Klavier, Stimme und Publikum formen einen perfekten Moment.

„You are fucking amazing“, verabschiedet Cave sein Publikum, das an diesem Abend eine berauschende Tour de Force durch mehrere Jahrzehnte seines Schaffens erlebt hat.

Am Ende bleibt vor allem diese Nähe: zwischen Cave, seinen Songs und 13.500 Menschen auf dem Königsplatz. Ein Konzert, das die Dunkelheit nicht verdrängt, ihr aber für einen Abend etwas ziemlich Kraftvolles entgegensetzt – Lebensfreude.

Georg Steiner für Kulturgericht