Nachgefragt bei Talos Kedl: „Kunst braucht finanzielle Absicherung und radikale Freiheit“

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Eigentlich wollte Talos Kedl einen anderen Weg einschlagen als sein Vater, der Bildhauer Rudolf Kedl. Doch ausgerechnet eine selbst gebaute Lampe führte ihn zur Kunst zurück. Heute schafft der burgenländische Künstler eigenständige Kupferplastiken und hat sich in Markt Neuhodis seine eigene Kunstwiese geschaffen.

Im Kulturgericht-Interview „Nachgefragt“ erzählt er von seinem ungewöhnlichen Weg zur Bildhauerei, dem künstlerischen Erbe seiner Familie und davon, warum Kunst vor allem eines braucht: Freiheit.

Talos Kedl (St. Peter an der Sperr) Foto: Dieter Mandl

Du bist in einer Künstlerfamilie aufgewachsen. War für dich schon früh klar, dass du selbst Künstler werden möchtest – oder musstest du dich von diesem familiären Erbe zunächst einmal lösen?

Ja, ich bin in einer Künstlerfamilie und unter Künstlerinnen und Künstlern aufgewachsen, was für mich natürlich sehr prägend war. So wollte ich immer schon mit Kunst zu tun haben, hatte aber nach der Matura nicht den Mut, selbst künstlerisch zu arbeiten.

Das lag weniger an meinem prominenten Vater, der mich sogar dabei unterstützt hätte, Bildhauer zu werden. Er hat es selbst nicht verstanden weshalb ich auf der WU gelandet bin.

Vielmehr war der Grund dafür, mir bewusst einen anderen Weg zu suchen, weil ich schon als Kind gesehen habe, dass es viele Künstlerinnen und Künstler gibt, die großartige Arbeit machen, fleißig sind, aber nie von ihrer Kunst leben können. Wir haben ein riesiges Haus im Burgenland, einen großen Skulpturenpark und ich dachte mir damals, dieses Anwesen einmal erhalten und dafür viel Geld verdienen zu müssen.

Deshalb wollte ich zuerst in Richtung Kunsthandel gehen und ursprünglich Kunstgeschichte studieren. Da zu dieser Zeit alles, was nach Picasso kam, quasi nur als Freifach unterrichtet wurde, mich die moderne Kunst immer schon mehr interessiert hat, habe ich beschlossen an der Wirtschaftsuniversität zu studieren, mit dem Gedanken, dass es nie schlecht ist auch von Wirtschaft eine Ahnung zu haben. Der Gedanke wäre grundsätzlich gut, nur nicht für mich. So habe ich jahrelang inskribiert ohne wirklich zu studieren und bin dann später eigentlich durch einen Zufall wieder zur Bildhauerei zurückgekommen.

Ich brauchte damals eine Lampe für meine Wohnung, fand aber keine, die mir gefiel beziehungsweise die ich mir hätte leisten können. Da ich schon als Jugendlicher die Technik der Metallbearbeitung und des Schweißens im Atelier meines Vaters gelernt habe, beschloss ich mir selber eine Lampe zu machen. Also versuchte ich zu treiben und zu schweißen, da mir aber seit Jahren die Übung gefehlt hat, bog sich das Blech wie es wollte und nicht wie ich es geplant hatte und das Schweißen war mehr ein schlechtes Kleben als tatsächliches Schweißen. Aber mir machte die Arbeit so viel Freude, dass ich mir die Techniken wieder angeeignet habe und damit war es auch nicht mehr weit zum Entschluss Bildhauer zu werden.

Kupfer ist zu deinem wichtigsten Material geworden. Was fasziniert dich daran und was kann dir dieses Material geben, das andere Werkstoffe nicht können?

Für mich liegt die Faszination am Kupfer darin, dass es ein sehr archaisches Material ist, welches viele Gegensätze in sich vereint. Es ist ein Metall, das sich aber trotzdem warm anfühlt. Durch die Schweißanlauffarben kann ich Farbtöne generieren, die es unheimlich lebendig, weich, organisch wirken lässt. Noch dazu verändern die Kupferplastiken je nach Lichteinstrahlung ihre Farbwirkung – strahlt die direkte Sonne darauf, kommen Gelb- Orangetöne an Stellen zum Vorschein, die in der Dämmerung blau oder violett werden. Durch diese Farbigkeit bekommen meine Plastiken, die ja organisch sind und, je nach Blickwinkel, immer wieder Überraschungen in sich bergen, noch eine zusätzliche Art von Lebendigkeit.

Auf der Kunstwiese in Markt Neuhodis treffen deine Arbeiten auch auf die Skulpturen deines Vaters Rudolf Kedl. Wie ist es für dich, an einem Ort zu arbeiten, an dem die eigene Familien- und Kunstgeschichte so präsent ist?

Ich bin nie mit meinem Vater in Konkurrenz getreten oder habe versucht meine künstlerische Herkunft zu verleugnen. Ich habe mit derselben Technik der Metallbearbeitung, die auch mein Vater angewandt hat und die ich von ihm gelernt habe begonnen, bis ich mich weiterentwickelt und meine eigene Technik und vor allem meine völlig eigenständige Formensprache gefunden habe. Dabei nahm ich das Erbe des Vaters als Grundstein und solide Basis für mein eigenes künstlerisches Schaffen wahr.

Natürlich nervt es einen jungen Künstler mit der Arbeit des Vaters verglichen zu werden, aber nachdem ich mich künstlerisch immer mehr emanzipiert und meinen eigenen Weg gefunden habe, ist es auch immer weniger vorgekommen, und wenn doch, so ist es heute vielmehr interessant und spannend als ärgerlich.

Heute sehe ich den Familiensitz mit Skulpturenpark und meiner Kunstwiese in Markt Neuhodis als gemeinsamen Ort zweier souveräner Künstler, die hier ihr perfektes Refugium für ihre Kunst haben und an diesem Ort gemeinsam und doch eigenständig vertreten sind.

Als ich einen geeigneten Raum für meine Großplastiken gesucht habe, war mir von Anfang an klar, dass ich sie nicht im Park zwischen den Plastiken meines Vaters positionieren wollte.

Einerseits deswegen, weil mein Vater seinen Skulpturenpark bewusst so gestaltet hat, wie er heute noch besteht. Seine Intention war es, seine menschlichen und floralen Formen mitten unter und zwischen die alten Bäume zu stellen, sodass diese untereinander und mit der Natur in Dialog treten können. In diese harmonische Einheit wollte ich nicht eingreifen.

Auf der anderen Seite war es mir für meine Arbeiten wichtig, dass diese nur untereinander kommunizieren sollten. Deswegen habe ich ein an den Skulpturenpark angrenzendes Grundstück gerodet und eine große Wiese geschaffen, auf der sich meine Arbeiten sehr wohl fühlen.

Eine dichte Fichtenhecke, die den Skulpturenpark meines Vaters und meine Kunstwiese ursprünglich getrennt hat, habe ich teilweise entfernen lassen und so eine Verbindung zwischen den Arbeiten meines Vaters und meiner Kunstwiese geschaffen. So hat jeder von uns den Raum für seine Arbeiten wie er ihn sich vorstellt, aber dennoch besteht eine bewusst geschaffene Verbindung.

Was braucht Kunst und Kultur heute am dringendsten?

Kunst braucht finanzielle Absicherung und radikale Freiheit. Das heißt es wäre wichtig, Kunst monetär zu unterstützen, damit Künstlerinnen und Künstler in völliger Freiheit arbeiten können, ohne sich an Märkten oder Moden orientieren zu müssen, um überleben zu können.

Weiters wäre es aus meiner Sicht wichtig, den Stellenwert der Kunst als essenziell für eine demokratische Gesellschaft zu verankern. Das sollte schon in Kindergärten und Schulen beginnen, wo junge Menschen offen und experimentierfreudig sind. Sie an Kunst heranzuführen, damit sie später etwas damit anfangen können und keine Scheu vor Galerien, Museen oder Theatern haben. Sich vielleicht später selbst mit Kunst umgeben wollen und sich Kunstgenuss gönnen, weil es etwas elementar Wichtiges für unser Leben ist, Kunst bereichert und inspiriert. Das wäre ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft.

Kunst wirkt wie ein Seismograf für gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische Zustände in der Bevölkerung. Es sind die Künstlerinnen und Künstler, die mit ihren außerordentlichen Mitteln Missstände, Konflikte, Ängste aufgreifen und in ihre Werke übersetzen. Die Rückübersetzung durch betrachtende Menschen weckt Emotionen, gibt Denkanstöße und kann die Fantasie anregen. Es ist die Kunst, die oftmals zuerst ihre Meinung ausdrückt und Proteste entwickelt. Es ist wichtig für Künstlerinnen und Künstler in ihrer Schaffenskraft nicht eingeschränkt zu sein, sondern experimentieren zu können in ihrer Ausdrucksweise. Kunstwerke prägen das kulturelle Bewusstsein und schaffen eine gemeinsame Identität einer Gesellschaft. Wir wären arm dran, ohne Kunst und Kunstschaffende. Der Mangel ist in Diktaturen oft spürbar, selbst wenn sich eine Subkultur entwickelt. In unserer demokratischen Gesellschaft darf Kunst nicht kaputtgespart werden, ohne Kunst ist das Leben nichts. Oder wie Nietzsche sagte: „Ohne Kunst wäre das Leben ein Irrtum.“

Kulturgericht bedankt sich bei Talos Kedl für das Gespräch.